Das rote Chesterfield in der Goltzstraße macht beim Hinsetzen ein Geräusch, irgendwo zwischen Seufzen und Protest. Pfffft-Krrrck. Wer darauf landet, hat einen Weg hinter sich: gusseisernes Portal auf Straßenhöhe, Treppenhaus, Praxistür im Hochparterre, dann der Flur mit der sonnengelben Wand, die Simons Mutter eines Nachmittags gestrichen hat, ohne zu fragen.
Dr. Simon Roth ist Psychotherapeut in Berlin-Schöneberg, Anfang vierzig, und er richtet seinen Füllhalter parallel zur Kante der Lederunterlage aus, wenn er eine Lage im Griff hat. Liegt der Halter schief, wird es ernst. Simon kann erklären, warum Menschen sich selbst im Weg stehen, mit einer Präzision, die man bewundern könnte, wenn sie nicht so oft ihm selbst gelten müsste.
In seine Praxis kommt, was draußen gerade jeder macht. Eine Therapie-App, die Nähe im Abonnement verspricht und deren medizinisches Aushängeschild Simon selbst war. Eine Dating-App, die Paaren ihre Kompatibilität in Prozent ausrechnet, bis Schöneberg sich reihenweise trennt, und die Simon und Mara bei vierundsiebzig Prozent einsortiert. Eine Familie, die ihr Leben als Kanal betreibt, mit einer Tochter, die nie gefragt wurde. Eine Stiftung, die Medizinstudenten in Ranglisten sortiert und das Förderung nennt. Ein Berliner Finanzunternehmen, dessen Chief Happiness Officer eine kollektive Angststörung ausgelöst hat, ganz ohne böse Absicht. Ein Esoterik-Zirkel im Grunewald, der echte Trauer in Rituale verpackt und am Ende eine Rechnung schreibt.
Entzaubert wird all das nicht mit Enthüllungen, Verfolgungsjagden oder dem großen Knall, sondern mit Gesprächen, mit Humor und mit der Beharrlichkeit eines Mannes, der seine Fachbegriffe immer öfter beiseitelegen muss, um ehrlich zu sein. Geheilt wird selten jemand. Gesehen werden fast alle.
Um Simon herum steht eine Allianz der Angeschlagenen. Mara Winter, seine Partnerin, baut im Nebenzimmer ihre eigene Beratung auf und bringt trotzdem weiter die Blumen fürs Behandlungszimmer, jeden Band eine andere Sorte. Marion Prellwitz regiert den Empfang mit Berliner Schnauze und siezt ihren Chef bis auf Weiteres. Jonas Voss, früher Start-up-Gründer mit Insolvenz, baut heute Möbel aus Eiche. Felix, mit sechzehn noch Patient, macht inzwischen Radio. Und Rainer Grube, einst Internet-Hypochonder, verkauft samstags auf dem Winterfeldtmarkt Kuchen und versorgt die Praxis mit Apfelkuchen.
„Ganz normal gestört“ ist auf 31 Bände angelegt. Jeder Band nimmt sich einen Zeitgeist-Trend vor und lässt ihn im Behandlungszimmer vor dem Bogenfenster stranden. Jeder Band steht für sich, und wer alle liest, sieht eine Praxis wachsen, eine Familie entstehen und einen Therapeuten, der langsam lernt, dass man das eigene Leben nicht wegdiagnostizieren kann.